Freitag, 21. November 2025

Von dem Einen zu dem Anderen...

 

Dicht an dicht gepackt hatte sie mit vielen Brüdern und Schwestern in ein buntes Stück Papier gewickelt ihre Jugend verbracht. So hatten sie alle in einer dunklen, kühlen Stahlkammer ihr Leben begonnen, doch war es ihr Schicksal in die Welt hinaus zu wandern und nirgendwo lange sesshaft zu werden.

Eines Tages war es dann auch für sie so weit, jemand brach das Papier der Rolle auf und damit brach auch die kleine Münze in die weite Welt auf. Ihre erste Station war in einer Kasse, in der sie allerdings nur kurz mit den anderen Münzen ins Plaudern geriet, bevor man sie in eine weiche Lederbörse steckte. Dort fühlte sie sich mit ihren Geschwistern sehr wohl und wartete bei jedem Sonnenstrahl darauf, ihre Reise zu einem neuen Ziel anzutreten.

So landete sie eines besonders sonnigen Tages in einer kleinen, recht klebrigen, warmen Hand, die sie fest und liebevoll umschloss und eine Weile wie einen kleinen Schatz mit sich trug. Diese steckte die kleine Münze dann in eine krümelige Hosentasche, aus der sie am Abend in den Bauch eines keramischen Schweines wanderte.

Hier lag sie wieder mit vielen ihrer Geschwister zusammen und endlich blieb auch genug Zeit, miteinander über die jeweiligen Reiseabenteuer zu sprechen. So lernte die kleine Münze, dass es noch so viel andere Orte gab, an denen sie einmal landen könnte und auch, dass ein Sparschwein, wie ihr neues Heim genannt wurde, immer eine längere Pause auf ihrem Weg bedeutete. Aber sicher blieb auf jeden Fall, dass sie irgendwann wieder auf Reisen gehen würde und darauf freute sie sich schon sehr.

Donnerstag, 25. September 2025

Chiquitita

 In noch grüner Unschuld war sie über das Meer gereist gemeinsam mit zahlreichen ihrer Schwestern und Cousinen. Es war eine überaus lange Reise, größtenteils in Dunkelheit und Kälte. Doch in dieser Zeit hatte sie eine gewisse Reife erlangt und das Bewusstsein, eine exotische Schönheit zu sein. 

Nach der Überfahrt bekam sie ein edles blaues Siegel auf ihren so perfekt geformten Körper, das auf ihre besondere Herkunft hinwies und sie in gewisser Weise adelte.

 Wie herrlich passte das kräftige Blau des Siegels zu ihrer inzwischen sonnengelben Haut, wie saftig gülden und süß war ihr Innerstes geworden. Wie verführerisch wirkten ihre exotischen Reize auf die Menschen, die an der Obstschale in der sie eine neue Heimat gefunden hatte vorbeieilten! Wie wenig wusste sie, dass diese Reize nicht von unendlicher Dauer sein würden.

 Sie würde braun werden, weich und unansehnlich, oder aber ein abruptes Ende in den Verdauungsgängen eines ihrer Bewunderer finden. Sehr zu ihrer Überraschung jedoch, wurde sie eines Tages ihres Mantels entrissen und in ein kühles, weißes Bad getaucht. 

Sie nahm noch kurz ein lautes Summen wahr, bevor ein schaumiger Wirbel sie mit sich riss. Wie sehr hätte sie die Cremigkeit ihres neuen Daseins als Milchshake genossen, doch blieb am Ende einzig ihre gelbe Schale mit dem blauen Siegel als Beweis ihrer Existenz zurück.

Rätselgedicht

 

Heiß und nass

Weiß und blass

Schwarz und bunt

Purzelt’s rund

Dreht sich rechts

Dreht sich links

Schäumt und dampft

Unverkrampft

Dreht sich heiter

Immer weiter

Dieser Haufen

Will sich raufen

Wird gewirbelt

Und gezwirbelt

Schleudergang

Gar nicht lang

Fällt hinab

Liegt ganz schlapp

In der Wäschetrommel

Der ungeliebte kleine Haufen

 Schon auf den ersten Blick war er mehr ein Häufchen Elend. Doch dass er so unbeliebt und einsam blieb, lag vor allem daran, dass er ein alter Stinker war. Den lieben langen Tag stänkerte er nämlich an allem und jedem herum und war generell für jeden in seiner Umgebung eine einzige Belästigung. Durch seine uncharmant aufdringliche Art war seine Anwesenheit nur schwer zu ignorieren und noch schwieriger zu ertragen.

Stets versuchte er unübersehbar zu sein und jeden zu beschmutzen, der in seine Nähe kam. Deshalb wurde er so gut es ging gemieden, was ihn noch einsamer und unleidlicher machte. Also stänkerte er noch mehr, vertrieb damit letztlich jeden und wurde als gemiedenes Häufchen noch elender und so rottete auch sein kaltes Herz immer mehr dahin.


König Knollerich

 In seinem dunklen Königreich in bester deutscher Scholle lebte König Knollerich in feuchter Sattheit und mit sich selbst sehr zufrieden. Obwohl er von Augen übersät war, so war er doch im Grunde genommen blind für seine Umgebung.

 Er hatte einen Maulwurf zu seinem Minister ernannt, der das Reich gut kannte und so wunderliche Dinge von der Oberwelt zu erzählen wusste. Doch auch sein Blick war getrübt, sah er doch nicht wesentlich besser als sein König. Aber er hatte das goldene Licht der Sonne gesehen und kannte einen Reichtum an Farben, von dem er seinem König ausgiebig berichtet hatte.

 Seine kartoffelige Majestät wünschte sich heimlich schon lange sein düsteres Reich einmal zu verlassen und die Sonne zu sehen. Und würde es ihn auch Reich und Titel kosten! Doch ahnte er nicht, wie schnell sich sein Wunsch erfüllen würde und welcher Preis dafür tatsächlich zu zahlen war.

 Denn als die Zeit der Ernte kam, wurde er unerbittlich seiner Heimat entrissen. Doch selbst in seiner erschrockenen Empörung über diesen ruchlosen Akt genoss er das plötzliche Licht und die damit einhergehende Wärme auf seiner Dünnen Haut.

 Von der sollte er selbst dann noch zehren, als er mit all den anderen adeligen Knollen in einem kühlen und dunklen Keller zog. Dort endete seine Regentschaft als seine höchst ehrenvolle Kartoffeligkeit König Knollerich vom Westacker. Sein Leben jedoch endete erst viele Monate später als Portion ölfrittierter Sättigungsbeilage in Begleitung einer würzigen Currywurst.

Mittwoch, 16. November 2022

[Satire]: Die kulturelle Bedeutung der Nachtmärkte für die Entwicklung des modernen Menschen

 

Eine kurze geschichtliche Einordnung

Das Entstehen der Nachtmärkte muss als einer der maßgeblichen Reize zur Entwicklung des Menschen zu einem intelligenten Lebewesen angesehen werden. Erst die Nachtmärkte trieben den Urmenschen aus seiner Höhle und förderten seine Weiterentwicklung. Ursprünglich war die Nacht für den Urmenschen eine Art dunkler Bedrohung, die man am besten in seiner sicheren Höhle verbrachte, im Schein eines wärmenden Feuers. Alles vor dem Höhleneingang verschwand nach Sonnenuntergang im schwarzen Nichts, was für den Urmenschen nur bedrohlich wirken konnte. Es gab also bei weitem keinen Grund die Höhle zu verlassen.

Es konnte durch Ausgrabungen im Süden Deutschlands bewiesen werden, dass es durch die Wanderung einer kleinen Urmenschengruppe zu einer Wandlung in der Wahrnehmung der Nacht kam. Auf ihrem Zug durch das Land wurden sie von der Nacht überrascht, bevor sie eine passende Höhle für ihre Rast gefunden hatten. So blieben sie in der Nacht bei brennenden Fackeln auf einer Lichtung im Urwald sitzen. Zufällig lockte dieses Licht die Bewohner aus einer naheliegenden Höhle an. Diese überaus mutigen Menschen gaben ihrer Neugier nach und suchten selbst mit Fackeln und Steinäxten bewaffnet die beleuchtete Lichtung auf.

Aufgrund der gefundenen Reste gehen Nachtmarktforscher davon aus, dass es zu einem regen Austausch von Frauen, Fellen und anderen Waren kam. Das wird heute als die Entstehung des ersten Nachtmarkts angesehen. Mit diesem Ereignis verlor die Nacht ihren Schrecken und eröffnete den Urmenschen plötzlich viel mehr Zeit, als sie zum Sammeln und Jagen brauchten. Diese Zeit mussten sie irgendwie totschlagen und so kam es zu den wichtigsten Entdeckungen und Erfindungen in der Menschheitsgeschichte.

In einer dieser durchwachten Nächte muss zum Beispiel auch das Rad erfunden worden sein. Ohne diesen ersten Nachtmarkt und seine Entmystifizierung der Dunkelheit wäre das nicht möglich geworden. Doch die Nachtmärkte waren nicht nur in der Steinzeit ein Anstoß für Neuentwicklungen. Sie waren durch die Jahrhunderte ein Geburtsplatz für Entwicklungsanstöße.

Der Nachtmarkt spielt auch in der Antike eine bedeutende Rolle. In Griechenland fanden in jeder Stadt Nachtmärkte statt. Sie waren die perfekte Alternative zu Märkten in der Tageshitze der Mittelmeerregion. Jede größere Stadt hatte einen regelmäßigen Nachtmarkt. Der größte dieser Märkte fand jedoch alle 4 Jahre in der eigentlich unbedeutenden Kleinstadt Olympia statt. Der Tourismusrat der Stadt hatte diese geradezu geniale Idee, die zum Nachtmarkt angereisten Händler und Kunden tagsüber mit sportlichen Wettkämpfen zu unterhalten. Nicht umsonst ist bis heute die brennende Fackel das Symbol der Olympischen Spiele, auch wenn der Nachtmarkt heute nicht mehr stattfindet.

Völlig zu unrecht gilt Nero als der Brandstifter Roms und wird er seit Jahrhunderten dämonisiert und fälschlich beschuldigt, den Brand Roms verursacht zu haben. Er war jedoch gar nicht in der Stadt, denn er liebte seinen Nachtschlaf und wollte dem größten römischen Nachtmarkt und dem damit einhergehenden Lärm aus dem Weg gehen. Dieser Markt war Kernzelle des Brandes. Den genauen Hergang konnte die Wissenschaft nicht mehr rekonstruieren, doch muss man davon ausgehen, dass es auf dem Markt zu einem Brand kam der sich ausbreitete und weite Teile der kaiserlichen Hauptstadt in Schutt und Asche legte. Neider nutzen diesen Brand, um Nero zu verunglimpfen.

Nach der Antike setzte eine eher düstere Phase der Nachtmärkte ein. Sie gerieten weitgehend in Vergessenheit, nicht umsonst ist noch heute vom „Dunklen Mittelalter“ die Rede, wenn man über die Zeit zwischen 650 und 1000 nach Christus spricht. Die Nachtmärkte überlebten als eine gut gepflegte Tradition in Norden Europas, auf den Britischen Inseln, wo in einem kleinen Örtchen namens Stonehenge noch immer der erste rein für Nachtmärkte angelegte Veranstaltungsplatz mit seinen großen, ehemals Fackeln und Feuerstellen beherbergenden Steintoren besichtigt werden kann. Diese plumpen Feuerstellenträger gelten als ein früher Vorläufer des Flutlichts.

In diesen Regionen überlebte also die Tradition und wurde nach der Eroberung Englands durch die Normannen wiederbelebt und über den Kanal wieder auf das europäische Festland getragen, wo es über Stationen wie Rouen, Poitiers, Amiens und Paris wieder Fuß fassen konnte. Sie breitete sich mit dem Minnegesang über die Fürstenhöfe Europas auf dem gesamten Kontinent aus. Die Städte wetteiferten in der Größe und Dauer der Märkte miteinander, was zu einer neuen Blüte der Nachtmärkte führte und so einige Stadtbrände auslöste. Das tat dem Reiz der Nachtmärkte aber keinen Abbruch.

Die Kreuzzüge beförderten neben der Idee des Christentums auch den Brauch der Nachtmärkte wieder bis nach Byzanz und Jerusalem. Von dort aus eroberten sie – im Gegensatz zu den ausgezogenen Kriegern der europäischen Christenheit äußerst erfolgreich – den gesamten nahen Osten und den Norden Afrikas. Forscher streiten noch darüber, wie die Nachtmärkte nach Indien oder in die ferne Mongolei kamen, dennoch sind sie auch dort seit Jahrhunderten bekannt und beliebt.

Ob dies nun im Nachklang der Kreuzzüge geschah, oder aber die Nachtmärkte eine Tradition ist, die bereits durch Alexander den Großen auf den Asiatischen Kontinent kamen, ist ein noch immer hart umstrittenes Themengebiet in der Erforschung der Nachtmarktgeschichte. Auch eine Verbreitung der Nachtmarktidee durch Marco Polo steht noch immer unbewiesen im Raum, würde jedoch ihre Beliebtheit in China erklären, wo die farbenfrohen Nachtmärkte gewöhnlich von großen und aufwändigen Feuerwerken begleitet werden. Sie gelten sogar als einer der Gründe für die Erfindung des bunten Feuerspektakels am Nachthimmel.

Mit den ersten Siedlern kam die Idee des Nachtmarktes auch in die Neue Welt. Sie gab den Siedlern ein Gefühl der Heimat und Verbundenheit. Das heute in den USA als Erntedankfest gefeierte Thanksgiving ist eigentlich ein rudimentäres Überbleibsel eines großen Nachtmarktes, dem ersten, an dem auch die Ureinwohner des amerikanischen Kontinents teilnahmen. Sie müssen davon sehr beeindruckt gewesen sein. Leider finden sich kaum historische Reste einer dieser Veranstaltungen, da der amerikanische Bürgerkrieg die meisten der eigens angelegten Marktplätze unwiederbringlich verschwinden ließ.

Unbestritten ist jedoch, dass die Nachtmärkte unter anderem die Erfindung der Straßenbeleuchtung in Gang brachten, immerhin kam es nach der Einführung von Gaslaternen nicht mehr so häufig zu Bränden, was den Nachtmärkten eine weitere Verbreitung in der Neuzeit einbrachte. Auch wenn mit der Erfindung des elektrischen Lichts und der Verbreitung der Glühbirne ein gewisser Verlust der Atmosphäre des Nachtmarktes einher ging, wurden die Märkte größer und vielfältiger. Das grelle Licht führte schnell dazu, dass sich Menschen Gedanken um eine Methode Gedanken machten, wie man die Nachtmärkte nicht nur erleuchten, sondern auch wieder stimmungsvoller machen konnte. Schon nach kürzester Zeit entwickelte man bunte Lichterketten mit gefärbten Glühbirnen.

Heute gehören die Nachtmärkte ganz natürlich in unsere Innenstädte, finden aber auch in Markthallen und Parkhäusern eine Heimat und eroberten auch die Shopping-Center rund um den Globus in kürzester Zeit. Sie sind die alle Kulturen vereinende Gemeinsamkeit der Menschheit und ein bedeutender Teil unserer gemeinsamen Identität.

Anlässlich des gerade stattfindenden Feiertages:

 Nachtmärkte und das Halloweenfest - eine Erfolgsgeschichte.

Halloween. Ein typisch amerikanisches Fest. Das glauben zumindest die meisten. Doch es stammt tatsächlich hier aus Europa, genau gesagt aus Irland. Sein Name ist eine phonetische Verschleifung des Begriffes All Hallows Eve. Der Abend vor Allerheiligen. Traditionell ein wunderbarer Zeitpunkt für einen Nachtmarkt.

Und genau daher stammt der Halloween-Brauch. Er geht zurück auf einen historisch gut belegten Nachtmarkt und einen Vorfall, der den Ursprung der Halloween-Legende bilden sollte. Beginnen wir also mit einem Nachtmarkt im tiefsten Mittelalter, hoch im Norden Irlands. Die Straßen waren voller Menschen, die den Abend vor dem christlichen Fest der Heiligenverehrung für ein nächtliches Spektakel nutzen. Über all gab es Buden und Stände mit Süßem und Herzhaftem, es gab Schauspieler, Artisten, Gaukler, Feuerschlucker, Magier. Die Stimmung war gelöst und freudig. Alles tanzte, sang, amüsierte sich.

Nur einer nicht. Ein gewisser Nachtwächter namens Jack O'Lantern. Der hatte im Laufe des Abends gut gebechert und war in seinem Wachturm eingeschlafen. Mitten in der Nacht wurde er wach, irrte noch immer vom Alkohol benebelt mit seiner Laterne durch die Gassen und sah sich plötzlich in den Untiefen der Hölle wieder. Um ihn herum nur lärmende Fratzen, die ihn erschreckten und in seinem berauschten Geist nur entsetzliche Teufel und Dämonen sein konnten, die er mit dem Licht seiner Laterne zu vertreiben suchte.

Diese Geschichte amüsierte die Menschen so sehr, dass vor allem die Kinder in Erinnerung an dieses Vorkommnis in den folgenden Jahren anfingen sich als diese Dämonen zu verkleiden und durch die nächtlichen Gassen zu streifen. Um nicht belästigt zu werden, mussten die anderen Besucher ihnen Süßigkeiten zustecken. Die Nachtmärkte kamen aus der Mode, aber die Geschichte des Jack O'Lantern blieb erhalten und auch der Brauch der Kinder, Süßes zu erbitten. Sie wanderte mit den irischen Opfern einer Hungersnot nach Amerika aus und kam erst vor einigen Jahren von dort aus wieder nach Europa zurück.