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Samstag, 3. Dezember 2016

(Un)weihnachtliche Gedanken



Wo Winter einst mit eis’ger Hand
Uns frost’ge Blumen malte,
Im Schneegestöber unverwandt
Das Land ganz weiß erstrahlte,
Da kommt die weiße Winterpracht
Uns heute aus der Dose.
Und wird "mit Liebe" angebracht
Ganz ohne woll’ne Hose.

Gesprüht wird künstlich Schnee und Eis
Auf warme Thermoscheiben
Denn was auch kommt, eins ist gewiss:
Weiß muss die Weihnacht bleiben.
Und duften soll’s im ganzen Haus
Nach Tannenwald und Plätzchen,
Doch Nadeln fallen keine aus
Dem teuren Plastikschätzchen.

Längst hat ein grüner Kunststoffbaum,
Das Tannengrün vertrieben
Von unser aller Weihnachtstraum
Ist nicht mehr viel geblieben.
Und riecht es doch ganz weihnachtlich
Nach Keks und grüner Tanne,
Erstrahlt im Raum ganz sicherlich
Duftkerzens helle Flamme.

Freitag, 19. August 2016

Runde Rache (oder: Die Geschichte von der Null)

An einem lauschigen Abend im geheimnisvollen Orient erblickte sie auf einem feinen Bogen Pergament das Licht der Welt. Ein nachdenklich hingekritzelter Ring und obwohl sie die Welt erobern sollte und die Kunst des Rechnens revolutionieren, maß man ihr den Wert eines Nichts zu.

Und das konnte die kleine Null nicht einfach hinnehmen, ein wertloses Zeichen zu sein. Sie sann auf Rache dafür, dass man ihr so wenig Wert einräumte und klügelte einen Plan aus, wie sie den Menschen heimzahlen konnte, nicht wertgeschätzt zu werden.

Wie eine Schlingenfalle legte sie sich aus, um die Menschen zum Stolpern zu bringen. Sie stolperten über die Null in ihren Geldbörsen und auf ihren Konten. Und doch fand die unterschätzte Null noch eine andere Möglichkeit, sich Geltung zu verschaffen. Denn ohne sie ist eine Zahl nur eine Zahl, mit ihr aber, gewinnt sie an Bedeutung, verzehnfacht, verhundertfacht ihren Wert.


Und genau in dieser Erkenntnis erschuf sich die Null ihre größte Rache: sie erfand den „runden“ Geburtstag um die Menschen in regelmäßigen Abständen heimzusuchen und wurde so zum wahren Schrecken, auf dass sie nie wieder übersehen wird…

Montag, 18. Juli 2016

Zurück


Das grelle Licht der brennenden Mittagssonne brach unerbittlich in die Stille des menschenleeren Kreuzganges und malte mit den steinernen Säulen des Innenhofes gleichmäßige Muster auf den dunklen Granitboden. Der kühle Sandstein der Wände jedoch sperrte die sengende Hitze der Mittagsstunde aus. Das Kloster lag still und verlassen und nur das sanfte Tapp, Tapp seiner Schuhe auf dem steinernen Boden begleitete seine Schritte durch die endlosen Gänge der Anlage. 
 
Der ständige Wechsel zwischen gleißendem Licht und der überall zwischen den Steinsäulen lauernden Düsternis machte seinen geröteten Augen zu schaffen. Er fühlte sich lange schon zu alt für den Dienst in diesem verstaubten Museum. Die bedrückende Stille hatte sich nach der Katastrophe wie ein dichter Schleier über die ganze Welt gelegt und war auch durch die Zimmer und Korridore des ehemaligen Klosters eingezogen, als die Menschen ausblieben. Wem stand nach einem solchen Blutbad schon noch der Sinn nach Kunst und Architektur? Mit diesen finsteren Gedanken öffnete er den sperrigen Riegel an der schweren Eichentüre und stemmte sein ganzes Gewicht gegen das alle Holz, bis sie mit Knarzen und Quietschen den Weg in das ehemalige Dormitorium freigab. 
 
Die kalte Leuchtstoffröhre über dem großen Empfangstresen erreichte mit ihrem kläglichen Licht die hohe Gewölbedecke nicht und schaffte es nicht annähernd, den Raum mit Helligkeit zu fluten. Wie ein schmuckloser Altar stand der wuchtige Tresen in ihrem unwirklichen Lichtkegel. Irgendwo da draußen hatten Menschen sterben müssen und der Schock darüber ließ nun auch diesen Ort wie ausgestorben zurück. Die Zeit hatte einen Moment lang angehalten, als Explosionen die Stille zerrissen und die Welt in einen Schockzustand fiel. Doch während sich da draußen in den letzten Monaten das Leben wieder ein Mindestmaß an trotziger Selbstverständlichkeit erkämpft hatte, blieben diese Hallen stumm. 
 
Stumm wie sein Herz. Er hatte sich in die Stille dieses verlassenen Ortes geflüchtet, um den Schrecken daran zu hindern, von seinem Leben Besitz zu ergreifen. Er wollte nicht unter Menschen sein und so blieb er alleine. Mit sich selbst, seinen Gedanken und mit seinen Tränen, die längst seinen Blick verschleierten. Tod. Niemand anderer verstand sich so gut darauf, das Leben zu zerstören. Fanatische Menschen hatten seiner Frau das Leben genommen, doch es war ihr Tod, der ihm seines nahm. Wie sollte er damit leben können, wenn in den Leben der anderen bereits wieder so etwas wie Alltag eingekehrt war? 
 
Seufzend setzte er sich hinter die seither fast ungenutzte Kasse. Er kam sich winzig vor in diesem riesigen Raum, der seinem Leben so ähnlich war. Eine große Leere war auch in ihm. Leere und Dunkelheit. Er dachte darüber nach, wie lange dieses Kloster schon an seinem Ort stand. Es hatte das Kommen und Gehen so vieler Menschen erlebt, Verluste der Zeit und zweier Weltkriege. Es hatte Schaden genommen, wurde umgebaut und stand trotz allem was ihm widerfahren war noch immer hier. Auch er würde mit seinen Beschädigungen und den Veränderungen leben müssen, denn das Leben ging unbarmherzig weiter, so sehr er sich auch wünschte, es würde - für einen Moment wenigstens – innehalten. 
 
Mühsam stand er von seinem Stuhl auf, wischte sich die bitteren Tränen aus den Augen und stütze sich auf den Tresen. Das Leben musste weitergehen, wenn er die Mörder nicht gewinnen lassen wollte. Das Leben musste weiter gehen und jetzt war Zeit für seinen täglichen Rundgang. Er zog die schwere Türe hinter sich ins Schloss und wagte sich auf seine ersten Schritte zurück ins Leben.


Samstag, 16. Juli 2016

Geburtstagssprüche und -gedichte



Und wieder ist ein Jahr vergangen,
das ist kein Grund zum traurig sein,
ein neues hat erst angefangen,
voll Lachen, Singen, Sonnenschein!

                  ***

Einmal im Jahr musst du’s ertragen,
dass jeder weiß wie alt du wirst.
Doch steht dir frei an andren Tagen
so alt zu sein, wie du dich fühlst!

                  *** 

Deines Lebens Winzer sein,
das heißt die Trauben hegen,
dann reifst du wie ein guter Wein,
sonst wirst du Essig geben.

                  *** 

Ist manchmal dir das Leben sauer,
bedenke stets: nichts ist von Dauer.
Selbst Gürkchen die in Essig liegen,
sind sie erst ihrem Glas entstiegen,
entwickeln sich zum Party-Hit.
Drum mach’s wie sie und feiere mit!

                  *** 

Es bringt ein jedes Lebensjahr
mal Sonnenschein, mal Regen
Und wenn ein Tag auch trübe war,
wird’s wieder Sonne geben.

                  *** 

Am Morgen stehst du älter auf,
als du ins Bett gegangen.
Das ist nun mal der Welten Lauf,
wir sind darin gefangen.
Damit das Aufsteh’n leichter fällt
und dir nicht gleich den Tag vergällt,
erdachte einst ein kluger Mann,
dass man Geburtstag feiern kann.
So bleibt ein einz’ger Tag im Jahr
zum älter werden übrig.
Den zu ertragen, das ist wahr,
ist nicht besonders schwierig!

Samstag, 5. Dezember 2015

Der Camembert, die Toffifee und das letzte Stück Käsekuchen



Der Camembert

Ein unbeachteter Camembert lag still auf der Käseplatte und sein cremiges Herz schmolz in der Wärme langsam vor sich hin. Und weil er so unbeachtet blieb, hatte er ein wenig Zeit über sein Leben nachzudenken, das als ein Schluck Milch begonnen hatte. Er dachte nicht französisch, denn seines Zeichens war er ein deutscher Etikettenschwindler. Aber darüber machte er sich keinen Kopf, zumal er den nicht einmal hatte. Was hatte er nicht alles erleben müssen auf seinem Weg zu dieser Krönung seiner Karriere als in Würde gealtertes Milchprodukt auf einer liebevoll angerichteten Käseplatte für eine illustre Gesellschaft. Als warmer Strahl war er von Bauers Hand dem Euter seiner Mutterkuh entrissen und in einem eisig kalten Eimer gesammelt worden. Wie zärtlich hingegen die sanften Hände der Sennerin, die ihn liebkosten und brachen und quetschten. Er dachte auch an seine Zwangsehe mit einer Schimmelpilzin, die sein Leben so ganz und gar durchdrang und an die dunkle Zeit in einem kühlen Felsenkeller. Und an die Stille, die er da genoss, da seine schimmlige Gattin zwar Kultur hatte, aber ganz und gar stumm war. Sie hatte ihn in ihre Liebe gehüllt und er hatte es mit sich machen lassen. Sie hatte sein Herz erweicht und so war er sie nicht mehr losgeworden. Aber zumindest hatte sie sein Leben veredelt, wer weiß, vielleicht wäre sonst ein ordinäres Stück Gouda oder Emmentaler aus ihm geworden. Ganz sicher hätte er es damit nicht in den Kreis dieser auserlesen Gourmets gebracht, auf deren laktophiler Schlachtplatte er angerichtet war. Ohne eingebildet zu sein, war er stolz, sein Dasein als Camembert zu fristen, auch wenn er nur ein deutsches Exemplar war, doch zumindest war er von Adel. Er gab sich gerade ein wenig seinem heimlichen Stolz hin, als ein Käsemesser seine Gedanken abrupt abschnitt und er nun schlicht sein Leben hinzugeben hatte. Übrig blieb am Ende nur ein leeres Plätzchen auf der Käseplatte und ein zufriedener Gaumen.

Das Märchen von der Toffifee

Die kleine Fee mit Namen Toffi lebte schon lange mit ihren Schwestern in einer Pappschachtel im Wohnzimmerschrank. Sie langweilte sich ein bisschen in ihrem goldenen Bett aus Polyethylen. Ihr Leben war voller Schokolade, aber sie hatte ein hartes Haselnussherz und neidete ihren Nachbarn ihr Leben in weichen Papier-Rüschen und schillerndem Silberpapier. Ihr eigenes Reich kam ihr dagegen so schlicht vor. Wie gerne wäre sie eine feine Nougatpraline gewesen oder zumindest ein edles Schokoladenhäppchen in einer eigenen kleinen Papierwohnung, statt hier mit ihren Schwestern in einer Schachtel ohne echte Privatsphäre zu leben. Erst gestern war die Wohnung neben ihr frei geworden, dort hatte eine ihrer geschwätzigen Schwestern gelebt und tagein, tagaus vor sich hin gesungen. In ihr hatte so viel Spaß gesteckt, dass sie ihn zwanghaft mit allen in der Schachtel teilen musste. Die kleine Toffifee war da anders und es brauchte erst zwei Finger, die sie gierig aus ihrer Umgebung zu rissen, ein warmer Mund um ihr Innerstes zum Schmelzen zu bringen und ein paar Zähne um endlich ihr Herz zu knacken. Und erst da begriff sie, wie sehr sie ihre Zeit in der Schachtel hätte genießen sollen.

Das letzte Stück Käsekuchen

Elf seiner Brüder hatte er bereits verloren und blieb so der letzte seiner Art. Zumindest an diesem Tag und auf dieser Kuchenplatte. Alle seine Brüder waren mit einer heißen Tasse Kaffee durchgebrannt und hatten sich gemeinsam mit ihr in die Welt jenseits des Tresens aufgemacht. Sie waren aber auch alle – genau wie er – ganz schön süße Schnitten gewesen. Wie er sich nun gerade so ein wenig selbstgefällig in seiner ganzen, unwiderstehlichen Cremigkeit sonnte, spürte er das kühle Metall einer rücksichtslosen Kuchenschaufel unter seinem kuchigen Unterbau und wurde seiner Heimat entrissen. Leicht verwirrt landete er auf einem Kuchenteller und als er vorsichtig über dessen Rand blickte, sah er sie: dampfend, dunkel und in unschuldiges Weiß gehüllt. Sie war eine Italienerin, klein, aber durchaus selbstbewusst und stark in ihrer winzigen Porzellanunterkunft und geschmückt mit einem schlichten Espressolöffel, der ihr unglaublich eng um die schlanke Taille lag. Erst als das Gemetzel begann, wurde ihm klar, dass er sie nur Stückweise Schlückchen für Schlückchen kennen lernen würde, bevor sie sich eine Weile ein gemeinsames Zuhause teilen würden. Daran hatte er erst ein wenig zu knabbern, aber irgendwann hatte er den Schock verdaut.

Hopfen und Bangen

Ein männlicher Bierflasch mit colonianischem Hintergrund stand gut gekühlt im Regal. Er war einsam, auch wenn er von anderen Flaschen umstanden war, doch die verstanden seinen Dialekt nicht, waren sie doch alle im Grunde genommen tschechischen Ursprungs. Es herrschte ein munteres Kommen und gehen im Regal und auch er wäre gerne einmal gegangen, allerdings kam er sich heute dafür ein bisschen zu früh vor. Doch trotzdem öffnete sich die Türe der Kühlung und eine warme Hand griff nach ihm. Ein wenig später entriss ihm ein herzloser Flaschenöffner seine Krone, dann kippte er und ihm wurde plötzlich ganz Andreas. Danach fühlte er sich leer und wanderte als männlicher Flasch zurück in den Kasten, das Flaschenseniorenheim.