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Dienstag, 26. März 2019

Die Nachtigall und die Rose

[Überarbeitete Version eines alten Posts, sozusagen ein Work in progress]


Wenn man im sanften Licht des Abends durch den Wald wandert, kann man hoch in den Zweigen einen Gesang hören, so rein und wunderschön, dass er das Herz berührt. Und manchmal, da liegt ein betörender Duft in der sanften Brise, die durch die Blätter fährt. Das ist der Duft von Rosen und der rührende Gesang ist der einer Nachtigall.


Und dass beides uns so berührt, liegt an der tragischen Geschichte von einer verbotenen Liebe zwischen einer Blüte und einem Vogel.
 


Es war der betörende Duft und die Reinheit der weißen Blütenblätter, weshalb sich eines Tages, lange, sehr lange vor dem heutigen, eine Nachtigall in eine Rose verliebte. Jeden Abend sang die Nachtigall von ihrer großen Liebe und jeden Tag gab sie sich noch mehr Mühe, die Rose mit ihrem Gesang zu erfreuen und irgendwann sang sie so wundervoll, dass auch die Rose nicht anders konnte, als sich in die Nachtigall zu verlieben.

Abend für Abend flüsterte die Nachtigall gesungene Liebesschwüre in das Ohr der Rose. Abend für Abend streichelte die Rose mit ihren zarten Blütenblättern das weiche Gefieder der Nachtigall. Es war eine so tiefe, reine Liebe, dass die beiden nicht von einander lassen konnten.

Doch nicht allen, die das sahen, gefiel diese Liebe. Und so beschlossen die Mächte, die vor Urzeiten die Welt und alle Dinge darin nach ihrer Ordnung geschaffen hatten, dass die Rose fortan Dornen tragen müsse. Die Nachtigall konnte nun nicht mehr in den Ranken ihrer geliebten Rose landen und musste ihr Liebeslied von Ferne singen.

Ihr wunderschöner Gesang füllte sich mit Trauer und rührte jeden, der  hörte, wie sehr sie sich nach der Nähe ihrer geliebten Rose verzehrte. Und die Rose litt so sehr unter dieser erzwungenen Ferne, dass ihre Ranken langsam ihre Blätter verloren.

Wer jedoch je so sehr geliebt hat, wie die Rose und die Nachtigall, der weiß, dass es nichts geben kann, das zwei Liebende wirklich dauerhaft voneinander trennt. Und so geschah es eines Tages, dass die Nachtigall ihrem Drang in den Armen der Rose zu sein nicht länger widerstehen konnte und sich in das dornige Gestrüpp der Ranken stürzte.

So starb die Nachtigall in den Armen ihrer geliebten Rose erlebte damit alles Glück, dass sie in dieser Welt noch zu erwarten hatte. Ihr Blut jedoch rann über die weißen Blüten der Rose und färbte ihre zarten Blätter tiefrot. Die Trauer der Rose war so stark, dass sie beschloss, dieses Rot von nun an ewig zu tragen,  um sich immer an die unendliche Liebe der Nachtigall zu erinnern.

Generation für Generation lebte diese tragische Geschichte in den Erzählungen von Rosen und Nachtigallen auf der ganzen Welt weiter und so kommt es, dass auch heute noch Rosen das tiefe Rot des Blutes tragen und das Lied der Nachtigall als ein berührendes Lied von Liebe und Trauer durch die Wälder klingt.

Sonntag, 12. Juni 2016

Zwischen den Welten - ein etwas anderer Krimi (Intermezzo)

Irgendwie ist mit beim Schreiben die Geschichte ein bisschen in den Fantasy-Bereich herübergeschwappt... so ganz bin ich damit nicht zufrieden, aber ich will es den Lesern nicht vorenthalten und vielleicht bekomme ich ja in den Kommentaren ein bisschen Feedback, ob so ein Wechsel funktioniert oder ob ich es lieber lassen sollte:


Sie werden keine Hinweise finden. Er ist kein einfacher Mörder. Er ist ein Spieler, ein Sammler ein Sucher. Er hatte mich über Monate verfolgt, ausgekundschaftet, was ich tat, wer ich war und wie er an mich herankommen könnte. Ich passte exakt in sein Beuteschema: naiv, gutgläubig, alleinstehend und vor allen Dingen verliebt. Ich habe viel zu spät begriffen, dass ich in die Fänge eines Nephilim geraten war.

Der nächste Morgen kam für alle schneller als erwartet, denn es war spät geworden in den Archiven und zumindest Kommissar Zufall war gespannt, ob er die ersten Akten schon in der Postabteilung finden würde, wenn er ins Büro kam. Er musste zugeben, dass seine neue Partnerin ihm gefiel. Sie hatte einen scharfen Verstand und das nötige Gespür für solche Fälle. Und sie rüttelte ihn ein bisschen auf aus seinem üblichen Trott. Er war erstaunt, als er Dirk Brünn in seinem Büro antraf.
„Morgen.“
„Morgen, Peter.“
„Was gibt es? Du siehst ein bisschen beunruhigt aus.“
„Du erinnerst dich an das Haar?“
„Aus dem Fahrstuhlschacht? Ja. Was ist damit?“
„Wir konnten keine Treffer finden. Es ist nicht menschlich. Also jedenfalls nicht vollkommen menschlich.“
„Was meinst du damit?“
Der Kommissar nahm an seinem Schreibtisch Platz und schaltete die Kaffeemaschine ein. Der Forensiker schien noch nach den richtigen Worten zu suchen, als auch Claudia Röbel das Büro betrat.
„Guten Morgen ihr zwei, so früh schon so ernste Gesichter? Gibt es ein weiteres Opfer?“
„Mike wollte mir gerade erklären, dass unser verdächtiger nur zum Teil ein Mensch ist.“
„Was?“
Seine Kollegin sag ihn verdattert an. Dann räusperte sich der Chef der KTU.
„Ich habe die ganze Nacht durchgemacht. Ich habe die Untersuchung dreimal wiederholt und komme immer auf das gleiche Ergebnis: die DNA ist nicht zu 100% menschlich.“
Es herrschte einige Sekunden lang absolute Stille im Raum.
„Ich konnte die DNA zerlegen und die Hälfte ist menschlich. Es ist die DNA der Mutter. Die andere ist unbekannt, menschenähnlich und männlich, aber kein Mensch und auch kein Menschenaffe oder ähnliches. Ich habe so etwas noch nie gesehen und ich weiß nicht, was ich dazu in meinen Bericht schreiben soll. Wenn ich das so rein schreibe, wie es ist, wird man mich für bekloppt erklären und in Rente schicken.“
„Das Haar muss ja nicht von unserem Täter sein, es nutzen ja auch andere den Fahrstuhl. Nicht täglich, aber zumindest hin und wieder. Vielleicht sollten wir es einfach vergessen.“
Peter hielt seine Kollegin davon ab, etwas zu sagen und schüttete sich eine Tasse brühend heißen, starken Kaffee ein.
„Wie ihr meint. Ich schließe die Probe ein, sicher ist sicher.“
Damit verabschiedete sich der Kriminaltechniker von den beiden Kommissaren und verschwand aus dem Büro.
„Was hältst du davon Peter?“
„Ich weiß es nicht. Doch es mag mehr zwischen Himmel und Erde geben, als in unseren Schulbüchern geschrieben steht. So heißt es doch, oder? Und jetzt sehen wir erst mal ob eine der angeforderten Akten angekommen ist.“

Natürlich war seine Mutter ein Mensch. Engel können keine Kinder bekommen. Aber sie können welche zeugen, auch wenn es ihnen eigentlich verboten ist. Ich hatte mich früher einmal damit beschäftigt, aber als ich einem wahrhaften Sohn eines Engels begegnet bin, habe ich es nicht erkannt. Ich habe auch nicht an die Legenden geglaubt, aber ich tue es heute, hier, an diesem Ort zwischen allen Welten.

Er war allerdings kein Riese, wie es in den Geschichten heißt. Aber schön war er, mit dunklen Augen, in die man wie in einen See hineintauchen konnte und aus denen man erst wieder an das Tageslicht gelangte, wenn er es zuließ. Göttliche Kraft in einem menschlichen Körper mit einer durch die Sünde des Himmelsboten verdorbenen Seele. Die Macht sich jeden Menschen untertan zu machen, in dem man bedingungslose Liebe in ihm weckt, nur um ihn zu benutzen und wegzuwerfen.


Sonntag, 24. August 2014

[Fragment] Arbeitstitel: Der Nephilim

                                              Prolog


Eiskaltes Herz. Nachtschwarze Seele. Ohne Gewissen. So dunkel sein Innerstes, so rein und weiß sein Äußeres. Wen er in seine Augen blicken lässt, der ist verloren. Zwei unergründliche Seen, in die man eintaucht und aus denen man erst wieder an die Oberfläche zurück findet, wenn er es zulässt. Ein unwiderstehliches Lächeln umspielt seine Lippen und macht jeden blind für sein wahres Wesen. Empfangen, geboren und gesäugt von einer sterblichen Mutter. Gezeugt jedoch von einem Himmelswesen, einem der ewigen Wächter, einem Egregoroi.

Seine Augen suchen stets nach dem nächsten Opfer seines unstillbaren Dranges. Ein unabwendbarer Teil seines Erbes. Göttliches Blut gefangen in einem menschlichen Körper. Eine Kombination aus der nichts Gutes erwachsen kann. In den Augen der sterblichen Menschen ist er perfekt. Sie sehen das Göttliche in ihm, ohne es als dieses zu erkennen. Seine Wirkung auf andere ist berauschend und es ist ihm ein Leichtes, in ihnen Begehren zu wecken. Und wenn er das tut, dann nur aus einem Grund: einen Menschen in sein Verderben zu locken. Was waren ihm Menschenkinder anderes als Spielzeug? Er berauschte sich daran, sie zu manipulieren, mit ihnen zu spielen, wie ein Katze mit der gefangenen Maus. 

                                                            * * *


                                              Aufbruch

Einsame Schritte hallten durch die stockfinsternen Gassen. Es würde noch eine Stunde dauern, bevor die Sonne mit ihren Strahlen die handtellergroßen Pflastersteine aufwärmen und sich die Straßen mit Leben füllen würden. Dass er so früh schon in den Feuerpalast befohlen war, konnte nichts Gutes bedeuten. Wenn sie bereits vor Sonnenaufgang nach ihm schickte, dann musste etwas ernstes vorgefallen sein. Grübelnd folgte er der Wache, die ihn mit schnellen Schritten durch die verlassenen Gassen zum Palast geleitete.

Er stutzte kurz, als sein Führer nicht in Richtung des großen Torhauses abbog, sondern ihn in eine schmutzige, enge Seitenstraße an der äußeren Palastmauer geleitete. Als sie nach einigen Schritten eine in der Mauer eingelassene Pforte erreichten, klopfte der Wächter gegen das harte, verwitterte Holz. Knarrend wurden mehrere Riegel zurückgeschoben. Dann öffnete sich die Türe mit einem leisen, durchdringenden Quietschen. Wenn man ihn den Palast nicht durch das für alle sichtbare Tor betreten ließ, dann war die Nachricht, die seine Anwesenheit im Palast erforderte bedeutender, als ihm lieb sein konnte.

Im Hof hinter der Mauer wurde er vom Kämmerer der Herrin in Empfang genommen. Dieser bat ihn wortlos ihm zu folgen. Schweigend wanderten sie durch verborgene Flure und über steile Stiegen. Auch der Palast lag noch in tiefem Schlaf und so gelangten sie ungesehen in die Gemächer der Herrin. Dort wurde er angewiesen zu warten. Der Kämmerer verschwand durch eine weitere Türe in einen der anderen Räume und nachdem er die Pforte hinter sich geschlossen hatte, herrschte  tiefe Stille, die ihm unangenehm unter die Haut kroch. Ungewissheit kroch ihm kalt in die Brust.

Angespannt wartete er auf ihr erscheinen. Was wusste sie, dass sie ihn aus dem Bett holen ließ? Er fühlte sich immer unwohl in ihrer Gegenwart. Ihm war, als könne sie einem Menschen direkt ins Herz sehen, seine Stärken und Schwächen. Berechnend zog sie daraus ihren Nutzen, so war auch er in ihre Dienste geraten. Sie hatte ihn in der Hand und das wussten er nur zu gut. Wäre das nicht so, läge er ganz sicher noch in seinem warmen Bett und würde von schöneren Dingen träumen. Der Hauch eines Lächelns erschien auf seinen Lippen bei diesem Gedanken.

    „Was amüsiert euch?“

Unbemerkt war sie eingetreten und gab ihm sofort das Gefühl bei irgendetwas Verbotenem ertappt worden zu sein. Er ging auf die Knie, wie er es seiner Herrin schuldete, dann blickte er auf. Sie war eine schöne Frau, mächtig und klug genug, um zu wissen, dass ihre Schönheit ihr die größte Macht verlieh.

    „Herrin, ihr habt mich rufen lassen? Was kann ich für euch tun?“

Sie lächelte. Doch Ernsthaftigkeit wischte das Lächeln schnell von ihren Lippen. Zu ernst war die Nachricht, die sie erhalten hatte. Zu groß die Gefahr in der sich das Reich befand.

    „Ich habe euch rufen lassen, weil ich euch vertraue. Trotz allem, was ich über euch weiß, seid ihr einer der wenigen Männer in meinen Diensten, dem Ehre und Ehrlichkeit noch etwas bedeuten. Und den Auftrag den ich für euch habe, würde ich keinem anderen Menschen anvertrauen als euch.“

    „Herrin, ihr ehrt mich.“

Sie lachte kurz auf.

    „Nein, ich schmeichle euch nur, weil ich mehr von euch verlangen werde, als ich verlangen kann.“

Die Stille lastete schwer auf ihm. Innerlich wappnete er sich gegen ihre Bitte, doch als sie aussprach, was sie von ihm erwartete, trieb es Furcht wie eine eiskalte Klinge in sein Herz.

    „Ich schicke euch mit einer Botschaft in die Länder der Nacht, jenseits des Meeres der Toten. Der König ist tot. Noch weiß es niemand, aber ihr müsst auf dem Weg sein, bevor es bekannt wird, also bitte ich euch, sofort an Bord eines Schiffes zu gehen. Ihr werdet auf dem Schiff alles notwendige vorfinden, ich schicke einen Boten in euer Haus um euer Gesinde von eurer Abreise in Kenntnis zu setzen.“

Bei ihren letzten Worten betrat der Kämmerer den Raum.

    „Herrin, das Boot ist bereit.“

    „Ihr begleitet meinen Boten zum Schiff, Kämmerer“

Nur ein leichtes Nicken folgte ihrem Befehl und der Kämmerer führte ihn wieder durch verborgene Gänge und über steile Stufen durch den Palast. Die alten Gemäuer schienen viele Geheimnisse zu bergen, denn hinter der letzten Türe die der Kämmerer öffnete, befand sich ein Lagerraum, der bereits zu den Hafenanlagen gehörte. Arbeiter trugen Fässer und Bündel von dort auf ein Schiff am Kai.

Er trat hinaus in das Licht der aufgehenden Sonne und atmete die frische Seeluft ein. Die Meere der Toten. Es musste sie ein Vermögen gekostet haben, einen Kapitän zu finden, der sich auf diese Reise wagen würde. Das Schiff war aus dem dunklen Holz des Nachtbaumes, seine Segel waren schwarz und an seinem Bug prangte ein angsteinflößender Drache. Als er den Namen las, wusste er, dass seine Reise um einiges sicherer sein würde als er bisher gedacht hatte, denn jeder kannte den Kapitän der Nachtbarke. Sofort erklomm er die Planke und machte sich auf die Suche nach seinem Fährmann in die Länder der Nacht.




Mittwoch, 13. August 2014

Aller Anfang ist schwer

Heute gebe ich euch mal einen Einblick in die Arbeit, die man beim Schreiben so hat. Es ist nämlich bei weitem nicht so, dass das alles so aus mir heraus fließt und sich aus dem Nichts einfach eine Geschichte formt. Sicher, in meinem Kopf hat diese Geschichte, die ich erzählen will schon eine gewisse Form angenommen, aber diese Geschichte auch aufs Papier zu bringen ist doch mit mehr Arbeit verbunden.

Alleine ein Formulierung kann schon einen großen Unterschied für den Stil der Erzählung machen, kann andere Gefühle und Stimmungen hervorrufen und damit die Art ändern, in der ein Abschnitt auf den Leser wirkt. Ein Kleines Beispiel soll hier der Erste Satz einer Erzählung machen, an der ich gerade arbeite:

Zuerst schreibe ich auf, was ich dem Leser erzählen möchte, lese es nochmal und denke darüber nach, ob es genau das ausdrückt was ich sagen möchte:

     Kalt. Ein Herz, das noch nie etwas gefühlt hat.


Die Geschichte soll direkter wirken, die ersten Sätze beschreiben die Hauptfigur und ich will, dass sein Charakter deutlich wird.

     Ein kaltes Herz. Eine dunkel Seele.


Schon besser, aber noch immer nicht, was mir als vorschwebt. Ich möchte es eindringlicher und es soll mehr Stimmung im Leser hervorrufen:

     Eisiges Herz. Schwarze Seele. Gewissenlos.

Ja, das geht in die richtige Richtung, aber es ist mir noch zu harmlos. Ziel ist es ja, dem Leser gleich mit den ersten Worten darauf einzustimmen, dass die Hauptfigur kein sympathischer Held sein wird, also überarbeite ich alles nochmal und komme dann zu dem Endergebnis mit dem ich zufrieden bin:

     Eiskaltes Herz. Nachtschwarze Seele. Ohne Gewissen.


Das bedeutet nicht, dass die Geschichte so anfangen wird, aber zumindest ist das schon einmal der beste Einstieg den ich bisher dafür geschrieben habe. Es ist gut möglich, dass ich den Anfang noch einmal komplett neu schreibe.

Gott sei Dank muss man nicht jeden einzelnen Satz so aufwändig immer wieder überdenken. Wenn man einmal einen bestimmten Stil gefunden hat, wird es einfacher. Ich schreibe dann ganze Szenen in einem Rutsch durch und schaue am Ende nochmal drüber, um einzelne Wörter oder Formulierungen anzupassen. Ich bin erst zufrieden, wenn es ein stimmiges Gesamtbild ergibt.



Dienstag, 15. Juli 2014

Jedes Haus hat eine Seele

Wissen Sie, jedes Haus hat eine Seele. Oh, nicht von Anfang an. Das dauert eine Weile. Aber am Ende besitzt jedes Haus eine Seele. Natürlich ist nicht jede Seele gut. Das wissen Sie ja sicherlich. Nehmen Sie dieses Haus hier zum Beispiel. Darf ich es Ihnen zeigen? Kommen sie doch einfach mit, keine Angst, ich möchte Ihnen nur erklären, wie das Haus zu einer Seele kommt. Sehen Sie, das Haus ist schon alt. Sehr alt. Es hat viel gesehen. Viel erlebt. Das prägt solch ein Gebäude natürlich.

Sehen Sie, eine wunderbare Halle nicht wahr? Ich finde die geschwungene Treppe beeindruckend. Diese fast schon aristokratische Erscheinung aus dunklem Kirschholz, fühlen Sie wie glatt die Oberfläche des Geländers ist? Poliert von vielen Händen. Und wie weich der Teppich auf den Stufen. Kommen Sie nur herein. Dieser Leuchter wirft ein unglaublich harmonisches Licht auf die Täfelung der Wände oder? Schauen Sie, von hier oben können Sie die Türe sehen. Stellen Sie sich einmal die Wirkung vor, wenn man Gästen über diese Stufen entgegengeht.

Die Großherzogin Andraczy nutze diese Wirkung immer sehr gerne. Wie meinen? Oh, die Großherzogin war die letzte Besitzerin dieses Hauses. Seit ihrem Tod steht das Haus leider leer. So ein großes Anwesen kann sich ja heute niemand mehr leisten. Nun, die Großherzogin musste sich darüber keine Gedanken machen. Die Arbeit die solch ein Haus macht, übernahmen eine ganze Reihe von Hausangestellten. Ein lustiges Wort, finden Sie nicht auch? Hausangestellte. Als würde sich das Haus sein Personal selbst aussuchen. Sehr unwahrscheinlich oder?

Kommen sie mit, ich zeige Ihnen die Privatgemächer der Großherzogin. Sie hatte einen äußerst exklusiven Geschmack. Sehen sie die Schnitzereien über der Türe. Vorsicht, erschrecken Sie nicht. Wenn man darunter steht, können die beiden hölzernen Figuren ein wenig beängstigend sein. Sie waren wohl so eine Art Warnung, dass man die Herrin dieses Hauses nicht behelligen sollte. Bei dem Anblick auf diese verstörend schönen Wesen, die sich sofort auf jeden zu stürzen scheinen, der die Räumlichkeiten der Großherzogin betritt, überlegt man sich wirklich, ob man die Herrin stören sollte.

Aber ich kann ihnen versichern, dass Ihnen nichts geschieht. Es sind nur Holzfiguren. Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Willkommen im Empfangszimmer der Großherzogin. Sehen sie die wundervolle Stofftapete, dieses Muster, fast meint man, man müsse die Blumen darauf schon riechen können. Das Mobiliar ist eher schlicht, ein sehr viel aufwändigeres und größeres Empfangszimmer befindet sich im Erdgeschoss. Dieses hier war für intimere Gäste gedacht. Ich sehe, ihnen ist die Uhr aufgefallen.

Ein besonders schönes Stück. Leider geht sie nicht mehr. Ich habe einmal versucht sie aufzuziehen, aber sie lässt sich gar nicht mehr in Gang bringen. Dabei würde ich gerne einmal hören, wie sie die Stunden schlägt. Es ist ein bisschen als wäre das Herz des Hauses stehen geblieben. Angeblich soll die Uhr mit dem letzten Herzschlag der Großherzogin aufgehört haben zu Ticken, aber ich denke, das ist nur eine schöne Geschichte.

Folgen Sie mir in die nächsten Zimmer. Hier entlang bitte. Begeben wir uns als nächstes in die Bibliothek. Dieser Raum ist besonders beeindruckend, nicht wahr. Diese Regale reichen wirklich bis unter die Decke. Sehen sie das Licht? Es fällt durch diese beiden großen Fenster herein. Nein, hinaus sehen kann man nicht. Man würde dort aber auch nur in einen kleinen Lichthof im inneren des Hauses sehen. Er führt vom Dach bis ins Erdgeschoss, denn die Großherzogin wollte natürliches Licht in all ihren Räumen. Der Innenhof ist übrigens von oben bis unten mit polierten Silberplatten verkleidet. Sie sorgen für dieses warme Licht.

Wie sie sehen, sind die meisten Bücherregale leer. Die meisten Bücher wurden mach dem Tod der Herrin verbrannt. Warum? Oh, man hielt sie für gefährlich. Aber wenn sie mich fragen, das ist albern, wie könnte ein Buch gefährlich sein? Sie haben Recht, ja, es gibt Bücher, deren Inhalt einen Angriff auf den guten Geschmack bildet. Nun, ich habe gehört die meisten Bücher hatten alchemistische Themen, sicher nichts, um das es schade wäre. Aber wer weiß, was noch alles den Flammen übergeben wurde, was uns heute unschätzbar wertvoll erschiene. Von hier aus gelangen wir in das Schlafgemach.

Ja, die vielen Spinnweben machen mich auch traurig, aber man bräuchte viele Hände, dieses Haus in einem bewohnbaren Zustand zu halten. Da hier niemand mehr wohnen will, verkommen die Räume langsam. Sehen sie sich dieses Monstrum von Bett an, kaum zu glauben, dass nur ein einziger Mensch darin geschlafen hat oder? Ja, das wäre Platz für eine ganze Familie. Die Großherzogin hatte es gerne bequem. Das sieht man auch an ihrem Bad.

Sehen sie, fließend warmes und kaltes Wasser. Das war damals etwas ganz neues. Nichtmal die besten Hotels konnten damit dienen. Der Marmor wird leider stumpf. Und auch die wundervolle Kupferwanne hat ihre besten Zeiten lange hinter sich. Sehen Sie die Löwenfüße? Wundervoll,nicht wahr. Ich finde die Einrichtung wirklich geschmackvoll. Aber lassen sie uns wieder ins Schlafzimmer gehen. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass es offenbar keinen Zugang für das Personal gibt?

Das täuscht aber. Ja, jeder Raum hier hat einen versteckten Zugang. Hier im Schlafgemach liegt die Türe versteckt hinter der Tapete. Schauen sie hier, dort kann man die Umrisse erkennen. Warten Sie ich werde die Türe für Sie öffnen. Sie geht ein bisschen schwer. Man müsste sie einmal ölen.  Es riecht ein bisschen muffig, diese Gänge haben keine Fenster.Viele der Wände hier sind hohl und beherbergen solche Gänge und Treppenhäuser. Man kann ungesehen jeden Raum in diesem Haus über diese Gänge erreichen. Interessant nicht wahr?

Lassen sie uns das einmal ausprobieren. Ich habe eine Taschenlampe hier. Passen sie auf, die Stufen  sind sehr steil und manche sind schon morsch. Aber kommen sie nur, ich zeige ihnen den vielleicht merkwürdigsten Raum dieses Hauses. Langsam, wir haben ja keine Eile. Wäre doch unangenehm, wenn sie hier ausgleiten und sich vielleicht noch verletzen. Lassen Sie uns ein bisschen langsamer machen. Ich erzähle ihnen inzwischen noch etwas über die letzte Bewohnerin dieses Hauses.

Die Großherzogin war eine reiche Witwe, über einige Ecken mit dem englischen König und dem russischen Zaren verwandt. Woher ihr Geld stammte ist nicht ganz klar, aber sie hatte genug davon und hat auch ihr Leben lang reichlich davon ausgegeben. Ich finde, das kann man dem Haus auch ansehen. Wir sind fast am Ziel, noch hier um diese Ecke, dann sind wir da. Warten Sie ich helfe Ihnen. Die Stufe ist schon zu morsch, nehmen Sie meine Hand. So, sehr gut, da vorne können Sie schon den Lichtschein der Geheimtüre sehen.

Dieser Mechanismus funktioniert noch immer. Es ist erstaunlich, wie dicht die Türen schließen. Sie werden sehen, dass man von Innen die Türe nicht mehr sehen kann, wenn man sie erst einmal geschlossen hat. Ich führe sie in das große Besucherzimmer. Sehen Sie, wirklich repräsentativ, nicht wahr. Diese Möbel sind noch immer in gutem Zustand. Hier empfing die Großherzogin üblicherweise ihre Besucher. Sie wären sicherlich auch beeindruckt von dieser geschmackvollen Einrichtung. Auch wenn die Spiegel schon ein wenig blind geworden sind, sie geben dem Raum noch immer eine erstaunliche Weite.

Stellen Sie sich die vielen großen Vasen einmal mit Blumen vor, der Raum von seinem Kronleuchter hell erstrahlt. Und wieder die milchigen Fenster zum Innenhof. Wundervoll die Wirkung dieses diffusen Lichteinfalls. Der Schreibtisch dort hinten ist auch ein Schmuckstück. Sehen sie ihn sich nur näher an. Wundervolle Schnitzereien und eine schwarze Granitplatte. Setzen sie sich doch einmal. Ich werde mich hier hinter den Schreibtisch setzen. Ich sitze ein bisschen erhöht, haben sie es bemerkt? Ein kleiner Trick mit einer großen Wirkung. Wie meinen Sie? Bedrohlich? Aber nicht doch, ich wirke doch nicht bedrohlich. Oder vielleicht doch? Das liegt aber sicher nur daran, dass sie jetzt ein bisschen zu mir aufsehen müssen.

Ich muss ihnen etwas gestehen. Ich habe sie nicht ganz ohne Grund in dieses Haus eingeladen. Sie erinnern sich? Ich wollte ihnen zeigen, dass das Haus eine Seele hat. Nun, das kommt so: die Großherzogin war eine grausame Frau. Sie ließ von ihrem treuen und skrupellosen Diener immer wieder junge, hübsche Frauen entführen. Sie erinnern sind an die Wanne im Bad? Dort pflegte die Großherzogin im frischen Blut dieser Mädchen zu baden. Ja, sie glaubte dadurch ewig zu leben.

Wie sehr sie sich doch irrte. All diese jungen Mädchen starben völlig umsonst. Nun, wie ich Ihnen bereits erzählt habe, starb die Großherzogin. Oh, habe ich Sie jetzt erschreckt? Das wollte ich nicht. Ich erzähle Ihnen nur, was man hier von vielen der Bewohner in der Nachbarschaft zu hören bekommt, wenn man nur genug Schnaps spendiert und vorsichtig das Gespräch auf das verfluchte Haus bringt. Oh, hatte ich das noch nicht erwähnt? Viele glauben, auf dem Haus liegt ein Fluch.

Ich muss ihnen noch etwas gestehen. Dieser Schreibtisch hat ein weiteres Geheimnis. Es gibt hier einen kleinen Schalter, hier unter der Platte. Warten Sie, ja, man kann ihn fühlen. Bleiben sie nur still sitzen, ihnen passiert nichts. Ich habe ihnen doch gesagt, sie müssen sich nicht fürchten. Was dieser Schalter auslöst? Nun, das werden sie gleich sehen. Passen Sie auf.

Haben sie sich verletzt? Sehen sie, der Schalter löst eine Falltüre unter dem Stuhl vor dem Schreibtisch aus. Sie brauchen nicht um Hilfe zu rufen. Hier hört sie niemand und wenn doch... nun,  wer betritt schon freiwillig ein verfluchtes Haus? Sehen Sie, wenn ich Ihnen vor der Eingangstüre gesagt hätte, das Haus sei verflucht, wären Sie mir sicher nicht ins Innere gefolgt,nicht wahr? Nein, ich werde Sie nicht befreien. Wer ich bin? Können Sie sich das nicht denken? Ich bin der letzte Diener der Großherzogin.

Sie fragen sich jetzt sicherlich, was das alles mit der Seele des Hauses zu tun hat, oder? Nun, als die Großherzogin starb, konnte ihre Seele weder in den Himmel, noch wurde sie in der Hölle eingelassen. Was blieb ihr also übrig, als sich dem Haus zu schenken? Ja, Häuser haben Seelen. Manche Häuser haben eine schwarze Seele. So wie dieses. Ich werde jetzt die Falltüre wieder schließen. Keine Angst, es wird nicht lange dauern. Was meinen Sie? Oh, aber das sagte ich doch bereits. Jedes Haus hat eine Seele und diese Seele braucht hin und wieder ein bisschen Nahrung...

In der Tiefe

Ich war mitten in der kleinen Ruine auf der Waldlichtung über die Stufen gestolpert. Es gab einen Zugang zu den Kellern. Doch er war mit Schutt und Erde bedeckt und so musste ich ihn erst mühsam wieder freilegen. Es dauerte fast einen Monat, bis ich es geschafft hatte, alle Steine, Balken und Erdbrocken von der Öffnung zu räumen. Ich war vorsichtig gewesen, hatte weder großes Werkzeug noch andere Männer zur Hilfe genommen und Stein für Stein die verwitterten, zerbrochenen Stufen freigelegt. Ich hoffte auf eine lohnenswerte Entdeckung in den vielleicht noch erhalten gebliebenen Kellern der alten Abtei. Dabei wollte ich keine Zeugen, niemanden, mit dem ich am Ende meine Schätze teilen musste.

Es waren noch ein oder zwei Stunden Tageslicht übrig geblieben, als ich den Zugang so weit von den Abbruchresten befreit hatte, dass ich mich in den Untergrund wagen konnte. Doch ich musste mich noch einen Tag gedulden. Ich hatte zwar eine Schaufel und eine Hacke dabei, aber weder Fackel noch Laterne oder einen Beutel für die Funde, die ich zu machen hoffte. Ich sammelte im Wald einige halb vermodert Äste und Zweige und bedeckte damit den jetzt leicht zu findenden Eingang.

Die Nacht war unruhig und ich wälzte mich in kaum zu zügelnder Vorfreude und banger Hoffnung in meinem Bett hin und her ohne wirklich Ruhe zu finden. Vor dem ersten Hahnenschrei war ich auf den Beinen, packte eine kleine Mahlzeit und einen Leinensack in meinen Beutel, nahm eine Laterne und mein Feuerzeug mit und machte mich auf in den Wald. Eine Stunde brauchte ich bis zum Waldrand und eine weitere halbe Stunde um auf versteckten Wegen und Wildwechseln bis zu der Ruine zu gelangen. Die Kapelle war eine der wenigen Steinbauten des Klosters gewesen. Die Holzhütten der Mönch waren längst zu Staub und Erde zerfallen, nur das Fundament der Klosterküche, des Backhauses und die Ruinen der verlassenen Kapelle waren im Dickicht des Waldes überhaupt noch auszumachen.

Die Sonne war gerade erst über den dichten Baumkronen zu sehen, als ich die Lichtung erreichte. Die Äste bedeckten noch immer unberührt den Eingang zu den Gewölben unter der Kapelle. Ich zog sie zur Seite und entzündete die Laterne, bevor ich mich vorsichtig über die in den Jahren zerfallenen Stufen in die Tiefe arbeitete. Die Treppe führte geradewegs in die Kühle der Erde. An ihrem Fuß konnte ich den Einstieg in diese Unterwelt gerade noch als einen silbrigen Lichtschimmer erkennen, vor mir lag ein langer, dunkler Korridor. Doch das Licht der Laterne reichte nicht bis zu seinem Ende.

Vorsichtig folgte ich den meist zerbrochenen Bodenplatten durch das kalte und unheimliche Gewölbe, das bisher an keiner Seite eine Tür oder einen Abzweig gezeigt hatte. Ich drehte mich noch einmal um, konnte die untersten Stufen der Treppe gerade noch im Licht der Laterne erkennen. Vor mir blieb das Ende des Ganges noch immer unsichtbar. Ich tastete mich unsicher an den klammen Wänden entlang, spürte ihre eisige Kühle unter meinen Fingerspitzen und bemühte mich im Lichtkegel der Laterne zu erkennen, wo der Gang enden würde.

Ich kam nur langsam voran, an einigen Stellen waren Steine aus dem Gewölbe gebrochen. Ich machte mir ernsthafte Sorgen, dass der Gang vor mir irgendwo bereits ganz eingefallen sein könnte und mir den Zugang zu den Katakomben verwehren würde. Ich stieg über zerbrochene Steine, watete durch Pfützen und Schlammlöcher und machte mir zu ersten Mal Gedanken darüber, dass ich den Platz an dem das Kloster einst stand längst hinter mir gelassen haben musste. Warum hatte man diesen Gang angelegt und wo führte er hin.

Langsam wurde mir meine eigene Reise unheimlich und ich spielte gerade mit dem Gedanken, wieder zurück ans Licht zu gehen, als der Gang direkt vor mir einen scharfen Knick nach links machte. Die Neugier siegte über mein Unbehagen und ich folgte dem Gang weiter in die Tiefe. Er hatte ein leichtes Gefälle, war aber deutlich besser erhalten als es der Weg bis hierher gewesen war. Die Wände waren auch trockener und irgendwo her musste Frischluft kommen, denn der leicht modrige Geruch der Erde wich dem Geruch des Wassers. Mir wurde wieder leichter ums Herz, auch wenn eine Rückkehr an die Oberfläche natürlich bedeuten würde, dass ich mit leeren Händen zurückkehren würde und die ganze Arbeit der vergangenen Tage völlig sinnlos gewesen war. Unbewusst strich ich mit den Fingern über die Schwielen an meinen Händen. Ich hatte hart gearbeitet, um hier her zu gelangen.

Einen kurzen Moment glaubte ich Schritte hinter mir zu hören. Erschrocken blieb ich stehen und lauschte. Nichts. Hatten die Wände nur das Tappen meiner eigenen Schritte zurückgeworfen? Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen und schlich ein bisschen weiter. Erst als ich wieder normal ging, kamen die Geräusche wieder. Es mussten meine eigenen Schritte sein, die in dem dunklen Korridor so unheimlich hallten.

Der Gang endete an einer weiteren Treppe. Ein steinerner Türrahmen mit Resten eines eisernen Scharniers zeigte mir, dass dieser Bereich einmal verschlossen gewesen sein musste. In der gegenüberliegenden Steinsäule konnte man noch die Vertiefungen erkennen, in die einmal die schweren Riegel griffen die den Zugang verschlossen. Einzelne Holzreste konnte ich bei genauem Hinsehen noch auf dem Boden des Ganges und den obersten Stufen, der in einer Rundung nach rechts verlaufenden Treppe erkennen.

Ich folgte den Stufen weiter nach unten. Nah wenigen Schritten konnte ich vor mir einen Lichtschimmer ausmachen, aber so tief wie ich unter der Erde war, konnte das nicht sein. Ich tastete mich weiter vor und tatsächlich, in der inneren Rundung der Treppenwände gab es ein kleines Fenster. Drei schmale Säulen trugen zwei Steinbögen, die nicht mehr als eine Spanne groß waren. Gierig atmete ich die frische Luft ein und warf einen Blick in das offene Rund, um das sich die Treppe zu schlängeln schien.

Ich dachte sofort an einen Brunnenschacht, als ich nach oben sah. Dort konnte ich weit über mir ein kreisrundes Loch erkennen, durch das einige wenige Lichtstrahlen den Weg nach hier unten fanden. Am Rand ragten einige Zweige über die gemauerte Einfassung dieses Brunnenlochs, darüber leuchtete der Mond. Konnte es wirklich sein, dass ich schon so lange unter der Erde war, dass ein ganzer Tag vergangen war? In der gegenüberliegen Wand konnte ich ein Stück weit unter mir ein weiteres Fenster erkennen. Ich beschloss also der Wendeltreppe weiter nach unten zu folgen.

Bis die Treppe ein Ende erreichte und vor einer schweren Holztüre endete, kam ich noch an sieben anderen dieser Fenster vorbei und der Blick daraus in das Innere des Schachts zeigte mir, dass ich inzwischen zu tief unter der Erde war, um noch vom Licht des Mondes erreicht zu werden. Dort war es nur noch dunkel. Die Türe vor mir war verschlossen. Ich leuchtete mit meiner Laterne ein bisschen genauer hin und fand einen Riegel, der sich sehr viel einfacher bewegen ließ, als ich erwartet hatte. Auch das Holz der Türe schien noch immer vollkommen in Ordnung zu sein.

Die Türe schwang langsam, aber ohne größere Schwierigkeiten in einen großen Saal auf, dessen gewölbte Decke von dicken Säulen getragen wurde. Der Raum war etwa doppelt so lang wie breit und in gutem Zustand. Der Boden bestand aus bemalten Kacheln und hatte ein Muster aus Blättern und Zweigen. Das Licht meiner Laterne warf unheimliche Schatten der Säulen auf Decke und Wände, ich hatte das Gefühl beobachtet zu werden, denn ich konnte wegen der Steinsäulen nicht jeden Winkel des großen Raumes sehen. Ich hielt den Atem an und lauschte.

Stille. Meine Sinne hatten mir sicher nur einen Streich gespielt. Oder war mir doch jemand gefolgt? Ein eisiger Schauer lief über meinen Rücken und ich lehnte mich Halt suchend an eine der Säulen. Erst jetzt sah ich, dass die Kapitelle der steinernen Stützen mit schrecklich verzerrten Tierköpfen verziert waren. Der Anblick hatte mich so erschrocken, dass mein Herz aus meiner Brust zu springen schien. Ich versuchte mich zu beruhigen, doch das Spiel der Schatten auf den Köpfen gaukelte mir immer wieder vor, dass die verstörenden Fratzen lebendig waren. Ich war kurz davor, einfach wieder umzukehren, da entdeckte ich eine Türe, die bisher von den Säulen verborgen worden war.

Erleichtert stieß ich sie auf und gelangte in einen weiteren Flur. Doch dieser hatte nicht mehr das Aussehen eines gemauerten Stollens. Viel mehr fühlte ich mich wie in einem herrschaftlichen Haus. In einigen Halterungen an der Wand hingen Fackeln. Nach einer kurzen Überprüfung stellte ich fest, dass sie trocken und noch brauchbar waren und entschloss mich dazu wenigstens zwei davon zu entzünden. Sobald aus dem zuerst nur zögerlichen Flackern eine ordentliche Flamme geworden war, konnte ich vor Staunen keinen Schritt mehr tun.

Die Decke hatte ein dunkles Nachtblau und funkelte von goldenen Sternen. Aufwändig gemeißelte Pilaster unterbrachen die glatte Wand in regelmäßigen Abständen. Eine in Stein gehauene Eichenzweiggirlande zog sich die gesamte Decke entlang. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich kleine Vögel zwischen den Blättern und meine Sinne spielten mir einen Streich, denn ich glaubte das Zwitschern hören zu können. Doch die Vögel waren wie die Girlande aus Stein und leblos.

Wer hatte diesen verborgenen Palast angelegt? Warum führte eine Treppe aus einem verfallenen Kloster hierher? Ich folgte dem Gang weiter, stieß auf mehrere verschlossene Türen, konnte jedoch keine öffnen. Erst bei der achten Türe hatte ich Glück. Sie ließ sich mit ein wenig sanfter Gewalt öffnen. Die Kerze in meiner Laterne war inzwischen erloschen, also blieb mir nichts anderes übrig als eine der Fackeln zu nehmen und mich durch den Türrahmen zu schieben.

Wieder öffnete sich ein großer Saal vor mir. Er war mehrere Stockwerke hoch und von einer Säulenreihe umgeben, der eine Empore trug, die drei Seiten des Raumes einnahm. An der Stirnseite, der Türe genau gegenüber gab es eine weiter Empore, allerdings nur drei Stufen höher als der restliche Saal. In den Ecken neben der Türe gab es zu beiden Seiten eine Wendeltreppe, die ganz offensichtlich den Zugang zu dem umlaufenden Gang in der zweiten Etage führte. Es gab keinerlei Möbel oder Schmuck. Der Stein der Säulen jedoch war poliert, bis er glänzte. Der Raum war Ehrfurcht gebietend, ein Thronsaal ohne Thron, doch ganz offensichtlich ein Raum, der der Verehrung einer Person gewidmet war.

Das Licht der Fackel reichte nicht bis zur Decke des Saales, dennoch konnte ich in ihrem Dämmerlicht die Ausmaße des gesamten Raumes erfassen. Welche Feste mussten hier gefeiert worden sein! Auch hier fand ich mehrere noch brauchbare Fackeln und entzündete sie. In ihrem Licht wurde der Raum immer deutlicher sichtbar. Und er beeindruckte durch seine Schlichtheit viel mehr, als es ein üppig geschmückter Raum getan hätte.

Ich stieg die Stufen am Ende des Raumes empor und schaute zurück auf den Saal und die große Empore. Auf ihr mussten Höflinge gestanden haben während dort wo ich mich gerade befand einmal ein Thron gestanden haben musste. An der Rückwand gab es eine weitere Türe, sie stand offen und gab den Blick auf einen kleineren Raum frei, der wie der zentrale Flur einer ganzen Wohnung wirkt. In allen seinen Wänden gab es mindestens eine Türe. Die meisten konnte ich ohne Werkzeug nicht öffnen, dich ich hatte längst beschlossen, später noch einmal mit den passenden Werkzeugen zurück zu kommen. Dieser unterirdische Palast faszinierte mich und ich wollte ihn vollständig erkunden.

Ich verließ den Thronsaal wieder, suchte den Weg zurück in den ersten Saal, aber welche Türe im Korridor ich auch öffnete, den Saal konnte ich nirgendwo finden. Langsam geriet ich in Panik. Ich war hier viele Meter weit unter der Erde und niemand wusste überhaupt, wohin ich am Morgen aufgebrochen war. Niemand würde mich hier suchen. Nach einer Weile panischen Suchens, wurde mir klar, dass ich nicht einmal mehr wusste, welche Türen ich schon geöffnet hatte und welche noch nicht. Ich machte an jede Türe die ich geöffnet hatte mit einer der noch nicht entzündeten Fackeln ein deutliches Kreuz mit der schwarz verkohlten Spitze. Der Korridor war länger als ich erst angenommen hatte und die Türen nahmen kein Ende. Doch hinter den meisten befanden sich nur kleine Zimmer ohne weitere Türen oder Gänge.

Mit jeder neuen Türe klammerte sich die Verzweiflung stärker um mein Herz. Irgendwo musste doch der Raum mit den schrecklichen Tierköpfen sein. Die nächste Türe. Wieder nichts. Das Kreuz gemacht und weiter. Mit Wucht warf ich mich gegen die verklemmte Türe. Ächzend gab sie nach, doch auch hier gab es nichts als einen kleinen unscheinbaren Raum. Kalte Angst umklammerte meine Brust und langsam begannen die letzten Fackeln zu verlöschen. Würde ich in völliger Dunkelheit einen Ausweg finden können? Ich hatte es ja auch schon im flackernden Licht der Fackeln bisher nicht gefunden.

Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel, auch wenn ich daran zweifelte, dass es hier, so tief unter der Erde und so nah an den Pforten der Hölle überhaupt gehört werden konnte. Türe um Türe arbeitete ich mich weiter voran, dann begann auch die letzte Fackel zu flackern und wurde immer dunkler. Verzweifelt stieß ich eine weitere Türe auf und sah im letzten Schein der verlöschenden Fackel eine Stufe. Danach stand ich in völliger Schwärze.

Auf allen Vieren tastete ich mich die Stufen hinauf. Stolperte mehr als zu laufen, schürfte mir Arme und Schultern an den rauen Steinen der Wände auf, aber alles woran ich noch dachte war: raus, nach oben, ans Licht! Ich tapste endlos durch eine Dunkelheit, die mich immer mehr zu verschlingen drohte. Ich glaubte gehässiges Gelächter zu hören und kletterte in Panik weiter die zerfallene Treppe hinauf. Ich spürte sie in meinem Rücken, sie kamen näher, sie würden mich einholen und zurück in die Tiefe zerren. Ich stießt mir das Knie auf und konnte mich nur noch humpelnd Stufe für Stufe weiter nach oben ziehen.

Ich hörte Schritte hinter mir, sie kamen näher. Ich musste weiter, egal wie sehr das Knie schmerzte. Ich konnte nur hoffen, dass die Treppe irgendwie an die Oberfläche führen würde. Doch ich kam nicht so schnell voran, wie ich es wollte. Das Lachen war wieder zu hören und es war nah, viel zu nah. Die Angst verlieh mir Flügel und gerade als ich eine Hand an meinem Knöchel zu spüren glaubte, stolperte ich ins Freie. Ich robbte so weit von der Treppe weg wie möglich, bevor ich mich umdrehte und nach meinen Verfolgern sah.

Doch da war niemand. Ich lag auf dem feuchten Waldboden vor der Treppe in der Ruine, die ich selbst frei geräumt hatte, doch der Zugang war wieder mit Schutt und Steinen verschlossen. Die Sonne wärmte mein Gesicht, ich hörte die Vögel zwitschern und nach ein paar tiefen Atemzügen fiel die Angst wieder von mir ab. Trotzdem konnte ich es nicht erwarten, den Wald endlich zu verlassen. Er war mir fremd und unheimlich geworden. Ich erreichte den Weg nach wenigen Minuten und freute mich auf mein Heim. Dort würde ich sicher sein und nie wieder ein Wort über den heutigen Tag verlieren.

Ich bog um die Ecke und warf einen Blick auf mein Haus, doch was ich sah, erschreckte mich. Dort befanden sich nur noch die verfallenen Reste der kleinen Kate von der ich am vergangenen Morgen aufgebrochen war. Das Dach war eingestürzt, die Wände verfallen und auch der Garten war verwildert. Das konnte nicht in einer einzigen Nacht geschehen sein. Ich war durstig und fand wenigstens den Brunnen noch in einem guten Zustand vor. Langsam zog ich den Eimer an der langen Kette nach oben und schöpfte mir etwas von dem kalten, klaren Nass ins Gesicht, bevor ich einen Schluck aus dem Eimer nahm und meinen Durst löschte. Ich stellte den Eimer auf den Brunnenrand und sah nachdenklich auf die Reste meiner Heimstatt.

Was war geschehen? Mein Verstand konnte keinen Sinn in die vielen Dinge bringen, die meine Augen sahen. Nach einer Weile trat ich wieder an den Brunnen zurück und sah, wie sich mein Gesicht im Wasser des Eimers spiegelte. Es war das Gesicht eines alten Mannes mit schlohweißen Haaren.